Betende Hände, waschende Hände

Leseprobe aus: Salman Ansari, Welcome in Germany, Diotima März 2016 

Ich klingelte und eine Frau mittleren Alters öffnete mir die Tür. Sie bat mich in ihre Wohnstube. In dem Zimmer gab es ein Sofa mit hölzernen Armlehnen, bedeckt mit einem weißen Laken, vermutlich als Polsterschoner, falls das Sofa wirklich gepolstert war. Es standen noch zwei Stühle da und ein Esstisch. Darunter lag ein leicht zerschlissener Teppich, dessen Ränder aufgerollt waren.

An der Wand hingen Bilder von betenden Händen und einem Hirsch, der sein weit geöffnetes Maul gegen den Himmel hob, als wolle er den Allmächtigen anklagen.

Es roch nach Tabak und Leberwurst. Frau Kussmaul trug eine Schürze. Ihre Ärmel hatte sie hochgekrempelt und nun musterte sie mich durch ihre Hornbrille. Sie bot mir keinen Platz an. (…)

Am nächsten Tag zog ich bei Frau Kussmaul ein. In  meinem kargen Zimmer befanden sich ein Bett, ein kleiner Schrank, zwei Stühle, jedoch kein Schreibtisch. Der Boden war mit Linoleum belegt und wies viele schmutzige Stellen auf. Auf einem Brett, das am Fenstersims befestigt war, standen eine große Schüssel und ein Krug mit Wasser. Der Blick aus dem Fenster ließ ein Stück Mauer sichtbar werden. Von der Decke baumelte eine nackte Glühbirne. An der Wand gegenüber dem Bett hing eine Art Plakat: Darauf war zu lesen: „Man soll das Eisen schmieden, solange es heiß ist.“

Ich erkundigte mich, wo ich mich waschen könne und erhielt die Auskunft, dass dafür der Krug in meinem Zimmer sei. Neben der Toilette könne ich noch mehr holen und dort auch die Schüssel ausleeren. Ich hätte doch wohl Waschlappen, sonst müsse ich mir welche besorgen. Einmal in der Woche, am Donnerstag, gäbe es warmes Wasser und da könne ich mich dann duschen. Wenn ich mich öfters duschen wolle – was im Übrigen völlig unnötig sei – solle ich zum „Badenwerk“ neben dem Schwimmbad gehen und gegen Bezahlung duschen.

Ich hatte keine Ahnung, wie Waschlappen aussehen. Ich stellte mir vor, es handle sich dabei um Tücher, getränkt mit heißem Wasser, um damit den Körper abzureiben. Ich war gewohnt, mich jeden Tag zu duschen. Allein die Vorstellung, dass man mit dem Waschlappen auch die Ausscheidungsorgane abreiben und den Lappen dann immer wieder in demselben Wasser auswaschen müsste, verursachte mir Übelkeit. Wie bitte sollte ich die Seife vom Körper wieder wegwaschen? Würde ich die Seife mit dem Waschlappen aufnehmen, dann müsste ich ja den eingeseiften Lappen wieder in der Schale reinigen. Nein, egal wie ich mich auch anstellen würde: am Ende des Waschgangs stünde ich da, nass und tropfend, schmutziger als vorher.

Dennoch versuchte ich mein Glück mit den Lappen, die ich mir in einem Kaufhaus erworben hatte. Ich unterbrach immer wieder den Waschgang, zog mich schnell an, rannte mit der vollen Schüssel zum Klo, leerte sie dort aus und füllte sie wieder mit frischem Wasser.

Der Weg von meinem Zimmer zum Klo verwandelte sich langsam in ein schmales Rinnsal und der Boden meines Zimmers wurde allmählich überall von einer Wasserschicht überzogen. Am Ende war mein Nachthemd wassergetränkt und ich wusste nicht, wie ich trockenen Fußes in mein Bett kommen sollte.

An Zähneputzen war nicht zu denken, denn ich hätte die Flüssigkeit mit der Zahnpasta ins Becken spucken müssen. Ich konnte doch nicht in ein Wasser hineinspucken, das ich benötigte, um den Rest der Zahnpasta aus meinem Mund gründlich zu entfernen.

Frau Kussmaul entdeckte meine Missetat und beschimpfte mich erbarmungslos. Ich sei ein Tölpel, ein ungezogenes Muttersöhnchen, nicht einmal waschen könne ich mich. Was hätte ich denn überhaupt in meinem Leben gelernt? Wenn sie sehe, wie ungeschickt ich mit den einfachsten Sachen der Welt umgehe, könne sie schon jetzt prophezeien, dass aus mir nichts würde. Ich solle wieder heimfahren und mir den Traum von einem Studium aus dem Kopf schlagen. Ich sagte kleinlaut, ich wäre ja bereit, alles trocken zu wischen, aber sie hätte mir dafür keine Lappen zur Verfügung gestellt. „Ach was“, entgegnete Frau Kussmaul, „Sie werden doch nie und nimmer anständig putzen können.“ Dann holte sie Besen und Lappen, brauste schnaufend in mein Zimmer, bearbeitete den Boden, als wolle sie endlich dem angegriffenen Linoleum den Rest geben, eilte dann fluchend wieder hinaus und ich konnte hören, wie sie, mit dem Schrubber tobend, bis zum Klo alles trocken legte.

Ich hörte die Türen knallen Frau Kussmaul, war doch eine so gütige Dame. Sie würde, so hoffte ich, ihr unbeherrschtes Benehmen bald bereuen. Aber würde sie in ihrem Gebet an mich denken und den lieben Gott bitten, er möge mir verzeihen, da mir der rechte Sinn für jegliche Ordnung fehlte? Frau Kussmaul dachte sicherlich, Indien müsse ein entsetzlich chaotisches Land sein, wo jeder das machen kann, was ihm gerade so in den Kopf kommt. Ob sie wirklich betete?

Bisher hatte ich sie noch nicht dabei beobachtet.

Vielleicht müssen die Christen gar nicht beten, sondern ließen beten. In ihrer Stube war mir unlängst das Bild von den betenden Händen aufgefallen, das ich später auch in anderen Wohnstuben entdecken sollte. Vielleicht war es im Christentum möglich, religiöse Aufgaben sinnvoll zu übertragen. Ich fand es ungemein praktisch, wenn es wirklich so wäre. Ich glaubte, dass der wahre Grund für den atemberaubenden Erfolg der Christen darin bestand, dass sie nicht unbedingt selbst beten mussten.

Wenn man an die vergangenen drei bis vier Jahrhunderte denkt, haben Muslime dagegen kaum große technische oder wissenschaftliche Errungenschaften vorzuweisen. Das liegt vielleicht hauptsächlich daran, dass sie die Gebote des Korans streng befolgen und sich so nie ohne Unterbrechungen einer geistigen Herausforderung stellen können, die vollkommene Hingabe verlangt. Doch wie sind die vielen berühmten islamischen Gelehrten überhaupt zu ihren Erkenntnissen gekommen? Vielleicht haben sie darauf vertraut, dass Allah mehr den menschlichen Drang zur Kreativität würdigt als die unbedingte Befolgung der Gebote?

Merkwürdig, dass die unermesslich reichen arabischen Herrscher bisher nicht auf die Idee gekommen sind, das Bild von den betenden Händen massenhaft zu importieren und an alle angehenden Akademiker zu verteilen, damit sie endlich zu qualifizierten Arbeitnehmern aufwüchsen, statt sich von Arbeitskräften aus aller Welt bedienen zu lassen. Doch das Bild von den betenden Händen dürfen sie wahrscheinlich gar nicht importieren, denn der Islam verbietet bildliche Darstellungen von Heiligen oder religiösen Handlungen. In Moscheen wird man niemals Bilder finden. Wer es in einem Anfall von schöpferischem Wahnsinn wagen sollte, den Propheten abzubilden, wird auf der Stelle gesteinigt oder ihm werden unter mildernden Umständen öffentlich die Hände abhackt. Nein, nicht nur die Hände, sondern auch die Füße, weil man mit denen bekanntlich besonders gut malen kann.

In vielen Staaten dieser Welt haben es die muslimischen Schaffenden im Bereich der darstellenden Künste wahrhaftig nicht leicht. Es gibt einige, die in den Westen flüchten und unter einem christlichen Namen versuchen, malend hinter die Geheimnisse der Welt zu kommen. Es könnte durchaus sein, dass hinter vielen als christlich geltende Genies in Wahrheit Muslime stecken.

Wenn ich es richtig bedenke, hat die europäische Malerei die biblischen Geschichten genial in Szene gesetzt. So konnten bereits vor dem Mittelalter auch Menschen, die des Lesens unkundig waren, die Botschaften der Bibel nachvollziehen und sich von ihnen erschüttern lassen.

Als ich die Fresken von Giotto in Assisi betrachtete, sah ich die Gesichter der Engel, schmerzverzweifelte Kinder, die den Tod von Jesus beweinen. Sie schwebten über dem Leichnam von Jesus. Und dann diese Frauen, die trotz des unfassbaren Leids den widerstandslosen Körper von Christus sanft hielten und stützten. Ich sah diese Fresken und konnte meinen Blick kaum davon abwenden, bis ich sie nur noch verschwommen wahrnehmen konnte.

Die Mehrzahl der heutigen Muslime kann weder lesen noch schreiben. Sieht man von den Arabern ab, dann verstehen viele Muslime die heiligen Botschaften Allahs überhaupt nicht, weil diese nur auf Arabisch übermittelt werden. In keiner Moschee der Welt wird auf Urdu, Bengali oder Russisch gebetet, sondern nur auf Arabisch. Allah, so behaupten die muslimischen  Gelehrten, kann die Gebete nur auf Arabisch anhören.

So gehen Millionen Gläubige leer aus.

Andererseits kann ich mir auch nicht vorstellen, dass Allah monolingual ist. Vielleicht hatte er ursprünglich vor, erst einmal nur die Araber zu erleuchten. Allahs Wege sind eben unerforschlich. Mir persönlich macht es nichts aus, ob ich die Heilige Schrift verstehe oder nicht. Ich will ohnehin nicht ins Paradies kommen. Wenn ich mir vorstelle, wer bereits darin weilt, wird mir schwarz vor Augen. Wahrscheinlich wimmelt es dort von Bischöfen, Ajatollahs, Selbstmordattentätern, Mullahs, Priestern und Taliban.

Ich könnte noch weitere aufzählen, doch das erspare ich mir lieber und bete: „Lieber Gott, kümmre dichdrum, dass ich in die Hölle kumm!“

Frau Kussmauls wiederholte Wutanfälle machten mir zu schaffen. Doch Not macht erfinderisch. Bald entdeckte ich in meiner Nähe zwei öffentliche Toiletten. (…)

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